Home / Politik / „Sie mögen sich die Köpfe spalten“ – Die Türkei bereitet mir Sorge.

„Sie mögen sich die Köpfe spalten“ – Die Türkei bereitet mir Sorge.

Thema Türkei. Mit dem Putschversuch in der Türkei zeigt sich erneut, wie zerbrechlich die Sicherheitslage im Bereich des östlichen Mittelmeers und des Nahen Ostens ist. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat den Putsch überstanden. Wobei unerheblich ist, ob es ein echter Putsch war, der nur diletantisch geplant und durchgeführt wurde, oder ob hier nur irgendwas so aussehen sollte. Erdogan war schon vorher kräftig dabei, die Türkei zu einem Überwachungsstaat ohne frei Meinungsäußerung zu machen und ihm einen stärkeren islamischen Zuschnitt zu geben. Das wird er nun noch radikaler unterwegs sein, denn der Putsch gibt ihm die Möglichkeit, sämtliche politischen Gegner gnadenlos auszuschalten, ohne dass sich im Lande Widerspruch erheben wird.

Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe lässt in seiner Tragödie „Faust“, veröffentlicht im Jahr 1808, Spaziergänger, die vor das Stadttor hinausziehen, über die Türkei und die Völker, die dort aufeinander schlagen, sprechen. Da ist man sich einig, dass das alles weit weg ist und uns nicht berührt. Es kommt dann auch die Aussage: „Sie mögen sich die Köpfe spalten, Mag alles durcheinander gehn; Doch nur zu Hause bleib’s beim alten.“  Wenn heute in der Türkei die Fetzen fliegen, bleiben auch wir im alten Europa nicht von den Auswirkungen verschont. Denn ob die Türkei stabiler und sicherer wird, wenn Erdogan sie endgültig umgekrempelt haben wird, das bezweifle ich. Natürlich werden sich alle Regierungen mit ihm arrangieren, denn er ist der starke Mann am Bosporus. Dass die Türkei Mitglied der NATO ist, mag beruhigen. Aber es ist nur eine relative Beruhigung. Wir haben beim BREXIT gesehen, wie schnell ein Land aus einem Bündnis ausscheren kann. Nur habe ich bei den Briten nicht die Sorge, dass die unkalkulierbar und ein Sicherheitsrisiko werden könnten. Bei der Türkei schon.

Solange Erdogan lebt und regiert, werden sich genug Gelegenheiten finden, dass wir uns in Deutschland über seine – aus unserer Sicht – Eskapaden ärgern. Aber mehr als uns ärgern werden wir nicht können. Er wird mit eiserner Hand die Türkei stabil halten, ohne Frage, aber auf ihn selbst zentriert. Natürlich wird das nichts mehr mit Demokratie zu tun haben, wenn es keine Opposition mehr gibt, selbst wenn die Bevölkerung mehrheitlich hinter ihm stehen wird.  Erdogan wird die Türkei dadurch letztendlich immer mehr schwächen und die Grundfesten dieses Staates zum Wanken bringen. Denn selbst wenn er lange leben sollte, wird es nach ihm ein Vakuum geben. In das das Chaos einströmen wird. Niemand kann voraussagen, wann das sein wird und wie das sein wird. Aber es wird die jetzt schon fragile Sicherheitsstruktur in dem Raum noch mehr schwächen. Wir können nur hoffen, dass es dadurch nicht zu einem zunehmenden Ungleichgewicht und einer wachsenden Konfrontation der islamischen Welt untereinander und mit unserer noch überwiegend christlich geprägten Welt kommt.

Eine Mitgliedschaft der Türkei in der EU sehe ich ganz weit weg und mit Erdogan auch gar nicht möglich. Eine Einbindung der Türkei in die EU brächte auch nicht mehr Sicherheit, sondern nur noch mehr Frust und Querele, die zu einer totalen Lähmung führen könnten. Wenn ich mir die Zutaten alle zusammen so ansehe, könnte das eine ganz brisante Mischung werden, die durch ein entstehendes Chaos in der Türkei gezündet werden könnte. Immerhin müssen wir auch an das Sicherheitsinteresse Israels denken. Niemand wird sich gegenwärtig vorstellen können, dass die Türkei einmal von Israel als  Risikostaat und potentieller Gegner angesehen werden könnte. Vielleicht sogar als Anführer einer Koalition gegen Israel. Niemand? Ich kann es mir vorstellen. Und ich fresse einen Besen samt Putzfrau, wenn dieses Szenario nicht nur in Jerusalem und Tel Aviv, sondern auch bei den Verbündeten Israels, natürlich im Geheimen, durchgespielt würde.

Liegt das Risikoszenario, das ich da sehe, wirklich so weit weg? Äußere ich damit eine abstruse Einschätzung? Ich hoffe selbst, dass es sich nicht dorthin entwickelt. Denn diese Entwicklung könnte letztendlich mit einem vernichtenden Krieg einhergehen. In dem wir mittendrin wären. Apropos, eine Frage nebenbei gestellt: wie sähe es denn dann mit unserer inneren Sicherheit aus? Bei den vielen türkischen Mitbürgern in Deutschland sehe ich in denen, die sich davon radikalisieren könnten, ein Sicherheitsproblem. Aber ich muss auch gleich sagen, ich sehe auch eine große Chance durch sie, ausgleichend zu wirken und über die menschliche Seite Eskalationen zu verhindern. Ich werde die Entwicklung beobachten. In der Hoffnung, dass die Türkei ein verlässlicher, kalkulierbarer und starker Verbündeter bleibt. Und dass es mit oder trotz Erdogan zu einer stärkeren Integration der Türkei in Europa und zu mehr statt weniger Sicherheit kommt. Jetzt muss ich nur noch mein Bauchgefühl überzeugen, dass meine Sorge unbegründet ist.

Über Tai Kriegeskotte

Profilbild von Tai Kriegeskotte

Lesen Sie auch

Über Politik, Profitinteressen und verkaufte Freunde

Meine Begegnungen mit Persönlichkeiten aus der Politik, dem öffentlichen Leben, der Wirtschaft und anderen Bereichen ...