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Ein Wort zu Boris Johnson

Nochmal BREXIT. Es ist schon unglaublich, was da alles an Kommentaren und Meinungen zum Austrittsvotum Britanniens aus der EU veröffentlicht wird. Ich gebe zu, ich sauge da einiges auf, besonders was über die Akteure in diesem Spiel geschrieben wird. Nicht nur auf britischer Seite, sondern auch auf Seiten der EU. David Cameron, der Verlierer und scheidende Premierminister, ist schon eine Person der Vergangenheit.  Boris Johnson, den ich im Gegensatz zu vielen Kommentatoren nicht für einen Clown und auch nicht für einen Trickser halte, ist erst einmal gescheitert, weil ihm sein engster Verbündeter bei der Austrittskampagne in den Rücken gefallen ist. Michael Grove, der Justizminister. Dieser will die Gunst der Stunde nutzen und selbst Premierminister werden. Kommentatoren bezeichnen ihn als Brexit-Brutus wegen seines „Verrats“ an Johnson. Ich halte ihn für den eigentlichen Trickser, der geschickter und planvoller in diesem Spiel um die Macht agiert. Ob sein Kalkül aufgeht und er sich gegen die parteiinternen Mitbewerber durchsetzt, wird sich herausstellen. Jedenfalls scheint er mir das mitzubringen, was ein britischer Premierminister in den Verhandlungen mit der EU und für die Nach-BREXIT-Zeit mitbringen muss. Einen Blick für Möglichkeiten, Härte und Selbstbewusstsein/Egoismus. Ähnlich einem Winston Churchill, der in schweren Zeiten das Richtige getan hat und Erfolg damit hatte. Als die schweren Zeiten vorbei waren, hatte die Mehrheit der Menschen aber auch genug von ihm und andere konnten wieder ans Ruder.

Ein Michael Grove hätte sich nicht so in Stellung gebracht, wenn er nicht sicher wäre, einen starken Verbündeten zu haben. Die Boulevardpresse. Und damit den in meinen Augen eigentlichen Strippenzieher des BREXIT, Rupert Murdoch. Ich halte es für unzweifelhaft, dass es zumindest ein sehr diskretes persönliches Gespräch zwischen Murdoch und Grove gegeben hat. Wobei zwei Personen aufeinander  getroffen sind, die beide in dem Spiel um die Macht sich gegenseitig etwas zu bieten hatten. Der Zeitungszar und der Justizminister. Beide gehen mit Informationen um. Und wie man sie einsetzt. Eine Verbindung, die auch explodieren könnte, wenn einer von beiden nicht das bekommt, was er haben will. Sind das Vermutungen, die ich da äußere? Wahrscheinlich. Aber sicher nicht unlogisch. Beobachten wir doch einfach die weitere Entwicklung.

Boris Johnson war das Gesicht der BREXIT Kampagne. Ich teile die Ansicht vieler Kommentatoren, dass er nicht ernsthaft für den BREXIT war. Er hat es als ein Spiel gesehen und als eine Möglichkeit, sich gut zu unterhalten. Wenn er es wäre, der Cameron das Amt des Premierministers weggenommen hätte, wäre das wie eine Trophäe gewesen, die er in einem Spiel gegen einen alten Freund und Gegner gewonnen hätte. Und ich glaube, er wäre kein schlechter Premierminister geworden. Einer, der vielleicht sogar den BREXIT umkehrbar hätte machen können, weil er dem Publikum etwas anderes hätte bieten können, das es zufrieden stellt. Wenn es auch nur gute Unterhaltung gewesen wäre. Und der in seiner „verspielten“ und damit unorthodoxen Art Verkrustungen im eigenen Land wie in der EU hätte aufbrechen können.  Boris, Sie haben meine Sympathie, ich hoffe, Ihre Karriere als Politiker ist noch lange nicht zu Ende.

Ein Mann wir Boris Johnson ist für jeden Strippenzieher wie einen Rupert Murdoch unkalkulierbar und ein Risiko. Wahrscheinlich war seine Kaltstellung längst beschlossene Sache. Wenn er geschickt ist, und ich hoffe, das ist er, dann nimmt er den „Verrat“ an ihm als eine Herausforderung zu einem neuen Spiel an. Wer immer neuer Premierminister oder Premierministerin wird, Boris Johnson sollte es öffentlich nicht unkommentiert lassen, was er von jedem einzelnen Schritt und jeder Entscheidung hält. Was er und wie er es anders machen würde. Bis hin zu einer totalen Kehrtwende in seinen Ansichten, die ich und sicher auch die meisten britischen Wähler im verzeihen würden, wenn er es richtig und besser macht. Er ist in meinen Augen immer noch der Mann, der Premierminister werden könnte. Nach dem nächsten Premier. Und nach einem schon erwähnten Zeitungszar, der die Marionetten tanzen lässt.

Zugegeben, Boris Johnson  ist sprunghaft und unberechenbar. Er formuliert Dinge, die gelogen sind nur eines guten Bonmots wegen. Oder er verkauft Unwahrheiten wie in der BREXIT Kampagne ohne rot zu werden. Aber ist diese „direkte Lügerei“ nicht irgendwie erfrischender als die „versteckte Lügerei“ und Ankündigungspolitik so vieler „seriöser“ Politiker, nicht nur in Britannien? Er fordert nämlich dadurch alle anderen und macht Dinge bewusst, die sonst nie bewusst würden. Als Premierminister wäre er zweifellos das Enfant terrible Europas. Aber er täte Europa gut. Überhaupt mit dem richtigen Team an seiner Seite. Und wer sagt, dass er nicht das Potential hat, an der Aufgabe zu wachsen. Ich traue es ihm zu. Boris Johnson kommt aus der Upper Class, aber er spricht die Sprache der Bürger, er ist ihnen nahe. Er könnte die bestehende Kluft überwinden und die Briten im Inneren wieder geeint ganz nach vorne bringen. Nicht spielerisch, aber unorthodox. Nicht machtbesessen, sondern machtbewusst, ohne Tücke. Ein Mann, der gut für Britannien wäre, besser als andere. So einen Mann wünschte ich mir auch als Unterstützer von TREEEC. Sollten wir mit ihm darüber reden?

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2 Kommentiert

  1. MoritzMarx

    Das ist eine überraschende Ansicht. Meinen Sie das ernst oder wollen Sie nur provozieren?
    Andererseits ist das gut denkbar, dass da im Hintrgrund ein Spiel um Eis und Feuer abläuft, von dem die Öffntlichkeit nichts mitbekommt.

  2. Reiner August Dammann

    Nun – die Rolle des Zeitungszaren wird in den Medien kaum (oder gar nicht) beleuchtet. Beschrieben wird ein albernes Clownstheater, eine Kasparei zwischen zwei Jungs. Man erfährt, dass er geschickt auf beiden Seiten stand … aber etwas mehr auf der der jetzigen Sieger. Das ist schon absolute Macht. Insofern – spannende Gedanken – und ein erfrischend neuer Wind in der bislang peinlichen Debatte um den Brexit.

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