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Wie sich das herkömmliche Wirtschafts- und Finanzsystem selbst ruiniert

An den chinesischen Börsen geht es derzeit ziemlich unrund. Verglichen mit dem Mikroproblem Griechenland könnte China ein Makroproblem werden. Und ein gutes Beispiel dafür, wie sich unser herkömmliches Wirtschafts- und Finanzsystem selbst ruiniert. Da habe ich einmal einen Artikel zu den Börsenturbulenzen herausgegriffen, in dem sich das sehr gut darstellen lässt:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/china-was-sie-ueber-den-boersensturz-wissen-muessen-a-1045525.html

Nehmen wir den ein und anderen Passus davon raus und schauen wir uns einmal an, was da an Widersprüchlichem und Widersinnigem drin steht:

„Hintergrund ist die Börsenentwicklung der vergangenen Monate. Im vergangenen Sommer hatten die chinesischen Festlandbörsen Shanghai und Shenzhen zu einer Rally angesetzt. Bis Mitte dieses Jahres ging es um etwa 150 Prozent aufwärts. Dann kam der von vielen bereits befürchtete Einbruch: Im Juni rutschten die Kurse binnen kurzer Zeit um mehr als 30 Prozent ins Minus. Chinas Aktienmarkt verlor dadurch in wenigen Tagen bis zu vier Billionen Dollar an Wert.“

Da wird eine ungesunde und durch Spekulation angetriebene Entwicklung dargestellt, nämlich eine Aktienrally. Vielen war klar, das kann nicht gut gehen. Aber die Gier frisst den gesunden Menschenverstand. Und dann der unglaubliche Satz: „Chinas Aktienmarkt verlor dadurch in wenigen Tagen bis zu vier Billionen Dollar an Wert.“ Hier wird tatsächlich von Wert geredet. Obwohl das so viel mit Wert zu tun hat wie der Furz einer Kuh mit einem Konzert der Berliner Philharmoniker.  Durch die Spekulation ist nur der Preis der Aktien hochgetrieben worden, der substantielle Wert der damit verbundenen Firmen hat sich nicht verändert. Deshalb konnten auch nicht 4 Billionen Dollar, man stelle sich das als Geldmenge einmal bildlich vor, an „Wert“ verloren gehen. Es ist nie ein Wert geschaffen worden, also konnte auch keiner verloren gehen. Aber so stellt sich der Großteil der Bevölkerung das mit dem „Wert“ vor, gemessen in wertlosem, durch keine realen Werte gedecktem Geld.

Wenn ich mir heute eine Geldnote male und schreibe 1 Million darauf, bin ich dann reich? Und wenn ich die morgen verbrenne, habe ich dann 1 Million vernichtet? Jeder wird den Kopf schütteln und sagen, natürlich nicht, das ist doch nur Papier ohne jeden Wert. Aber genauso ist es mit Dollar und Euro, wir vertrauen darauf, dass die, die dieses Geld in Umlauf gebracht haben, dafür sorgen, dass das seinen  „Wert“ behalten wird und wir damit kaufen und zahlen können. Bis durch solche Exzesse wie an den chinesischen Börsen, Probleme wie in Griechenland und andere Verwerfungen dieses ganze Kartenhaus zusammenbricht und auch unser herkömmliches Geld abstürzt.

Sie meinen, das wäre doch ein Unterschied zwischen meiner gemalten Banknote und Dollar und Euro. Da antworte ich Ihnen: noch. Solange Sie und andere dem herkömmlichen Geld vertrauen. Aber ich gebe zu, es gibt – noch – keine Alternative. Und selbst die vorhandenen alternativen und virtuellen Währungen würden wertlos, wenn die bisherigen Währungen zusammenbrechen. Weil sie daran festgemacht sind. Vielleicht würde da und dort eine Regionalwährung eine zeitweise Ersatzfunktion übernehmen können. Das gab es auch schon während der großen Inflation in Deutschland Anfang der 1920er Jahre, aber nur punktuell. Und was machen Sie mit Bitcoin? Die sind doch nur verbrauchte Rechenleistung und vergeudeter Strom.

Aber lassen Sie mich weiter aus dem Artikel zitieren: „Als unmittelbarer Auslöser für den Kurseinbruch gilt die zunehmende Sorge unter Investoren, die chinesische Wirtschaft könnte weiter an Schwung verlieren. Ohnehin lässt Chinas Wachstum seit einiger Zeit nach.“ Was bedeutet das? Wachstum, es ist immer wieder von Wachstum die rede. Da wird nicht zugrunde gelegt, welcher reale Wert durch den ganzen wirtschaftlichen Aufbau in China geschaffen wurde, sondern im Grunde nur, ob Umsatz gemacht wird, womit auch immer. Die Zahlen müssen immer höher werden, sonst verlieren die Investoren das Vertrauen. Wenn der Turbo nicht läuft ist der ganze Motor nichts wert. Aber es geht beim herkömmlichen Geld auch nicht anders, jeden Tag verliert es an Wert, und sei auch die Inflationsrate gering. Das muss durch immer höhere Zahlen, letztendlich durch ein Volumenwachstum ausgeglichen werden.

Womit wir zu einem weiteren Übel kommen, den Zinsen. Weiteres Zitat aus dem Artikel: „Eine weitere Belastung ist Experten zufolge die kommende Zinserhöhung in den USA. … Das macht Investments im Dollar-Raum attraktiver – und sorgt für Geldabflüsse unter anderem an den Börsen Chinas.“
Im herkömmlichen Wirtschaftssystem stehen mögliche Gewinne aus Zinsen in Konkurrenz zu Gewinnen aus realen Geschäften. Wobei wir das nicht aus der Perspektive des Sparers sehen müssen, der ist im Grunde ein armes Schwein, sondern aus der Position derer, die durch die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Private, unmittelbar oder mittelbar, richtig verdienen. Schauen Sie sich einmal die Kreditzinsen an. Und wer es am nötigsten braucht, zahlt auch noch am meisten. Dadurch können gerade große institutionelle Anleger oft sehr viel mehr abschöpfen als durch die Investition in Aktien.

Wenn an Private Kredite vergeben werden, damit die an der Börse spekulieren können und dadurch die Kurse in sinnlose Höhen treiben, dann haben in jedem Fall die daran verdient, die diese Kredite mit ihren Zinsen vergeben haben. Auch und gerade wenn es voll bergab geht. Mit einem Börsengewinn kann so ein Kredit schnell abbezahlt werden und der Verdienst des Kreditgebers ist gering. Muss das aufgenommene Geld aber über Jahre abgestottert werden, dann kommt da einiges zusammen und am Ende ist ein Mehrfaches des ursprünglichen Kreditbetrages zurückgeflossen. Mögliche Ausfälle satt einkalkuliert. Gäbe es also Kredite in dieser Form mit ihren Zinsen nicht, gäbe es folglich auch keine dadurch angeheizte Börsenspekulation.

Doch die Spekulation hat noch einige weitere Felder, auf denen sie sich austoben kann. Da sind immer noch die vielfältigen Derivate mit ihren Hebeln, die aus einem eigentlich zugrunde liegenden relativ normalen Geschäft eine Spekulationssache machen. Wo viel gewonnen und noch mehr verloren werden kann. Das ist dann nichts anderes als Finanzzockerei. Wenn ich dann auch noch sehe, dass auf die Wechselkursveränderungen von Währungen spekuliert wird und wie viele auch Private sich daran beteiligen, dann dreht sich mir der Magen um. Der gesunde Menschenverstand  müsste doch schon jedem sagen, dass Geld und Währung nicht zu Spekulationsobjekten verkommen dürfen. Doch Letzteres sei nur als Exkurs angemerkt, dazu ein andermal mehr.

Fahren wir mit einem weiteren Zitat aus besagtem Artikel fort: „Das Problem ist jedoch, dass es sich beim Aktienmarkt um das Herzstück des Kapitalismus handelt. Dort müssen die Kräfte des Marktes aus Angebot und Nachfrage so frei wie möglich wirken. Nur so ist gewährleistet, dass die Bewertungen der Unternehmen an der Börse auf lange Sicht am ehesten den tatsächlichen Werten entsprechen. Weil sich Firmen an der Börse mit Kapital versorgen, ist das eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Wirtschaft.“

Das klingt gut, ist aber nur sehr eingeschränkt richtig. Tatsächlich sind wir von diesem Idealbild weit entfernt. Es haben nur sehr wenige Unternehmen den Zugang zum Aktienmarkt. Der bei weitem größte Teil der Firmen und selbst die ganz großen müssen sich über Kredite finanzieren. Kredite, für die Zinsen zu zahlen sind. Sich an der Börse mit Kapital versorgen zu können, ist also für Unternehmen weit weniger wichtig, als einigermaßen günstig und überhaupt an Kredite zu kommen. Das ist für eine funktionierende Wirtschaft wesentlich bedeutender.

Diese Kräfte des Marktes sind heute zum ebenfalls größten Teil Wechselwirkungen zwischen großen institutionellen Anlegern, meist großen Fonds, und der Börse. Wobei auch die schon erwähnten Derivate, manche ursprünglich zur Absicherung gedacht, die Spekulation anheizen. Wenn dann eine Blase wie in China durch private Anleger aufgebaut wird, dann gute Nacht. Die Kräfte des Marktes aus Angebot und Nachfrage halte ich, und nicht nur ich, vielfach für sehr manipulativ beeinflusst.

Und warum müssen die Bewertungen der Unternehmen an der Börse nur auf lange Sicht den tatsächlichen Werten entsprechen? Warum entsprechen sie nicht gleich den tatsächlichen Werten? Ich gebe die Antwort: weil unser herkömmliches Wirtschafts- und Finanzsystem nicht auf reale Werte aufgebaut ist. Deshalb kann es keine langfristig funktionierende Wirtschaft in der heutigen Form geben. Eine weiterentwickelte Börse wird kein Spekulationsplatz mehr sein, sondern ein Marktplatz, auf dem alle Unternehmen bei Erfüllung bestimmter Mindestanforderungen sich um Kapital anstellen können. Wer den Anleger überzeugt, auch den privaten, der erhält Kapital. Dieses Vertrauen muss das Unternehmen durch seine Geschäftsentwicklung bestätigen.

Da es keine Zinsen mehr geben wird, wird diese neue Börse der Platz sein, wo man sein Geld durch direkte Beteiligung an der Wirtschaft real vermehren kann. Natürlich auch nicht ohne Risiko, aber überschaubar, in Grenzen und nicht auf Kredit. Ein Geld, das sich nicht laufend selbst entwertet wie die herkömmlichen Währungen, kann ich natürlich auch einfach nur auf meinem Konto sammeln. Immerhin erhalte ich in 20 Jahren denselben Gegenwert dafür wie heute. Also brauche ich daraus eigentlich gar keine Zinsen, denn die Inflation kann mein Geld nicht auffressen, weil es keine Inflation gibt..

Kommen wir langsam zum Abschluss und werfen noch einmal einen kurzen Blick auf China. China ist inzwischen ein wichtiger Player der Weltwirtschaft. Läuft der dortige Aktienmarkt unrund, so hat das weltweite Auswirkungen. Auch wenn ich bezweifele, dass unter solchen ungesunden Spekulationsbedingungen das tatsächlich ein Abbild der chinesischen Wirtschaft ist. Das ist es nur in den Köpfen derjenigen, die unter Wirtschaft lediglich Turbowirtschaft und damit verbundene Spekulation sehen. Der normale Bürger, der gar nichts mit den Börsen zu tun hat, wird aber in der Meinung angesteckt, nicht zuletzt auch durch die Berichterstattung in den Medien, und sieht ein düsteres Bild.

Ohne Frage, wenn die Wirtschaft weniger Aufträge hat, gibt es auch weniger Beschäftigte und weniger Geld zum Ausgeben. Viele drosseln dann auch ihren Konsum und legen ihr Geld zurück. So sinkt der Konsum und damit auch in Folge die Produktion. Aber sind davon nicht eigentlich nur die Produkte betroffen, die man im Grunde gar nicht oder noch nicht braucht? Brauche ich jedes Jahr ein neues Handy und alle zwei Jahre ein neues Auto? Die Antwort lautet, wenn ich das aus der Sicht der heutigen Wirtschaft sehe: ja. Denn diese gegenwärtige Wirtschaft funktioniert nur durch diese ungesunde Form ständigen und immer schnelleren mehr oder weniger sinnlosen Konsums. Von nachhaltiger Wirtschaft und „Balancewirtschaft“, wie ich es nenne, sind wir noch weit entfernt. Wenn nichts Entscheidendes geschieht, zu weit.

Der Konsum in China hat Auswirkungen auch auf Deutschland. Denn dann werden dort auch weniger deutsche Produkte gekauft. Weniger Fahrzeuge von Mercedes, BMW und VW und andere deutsche Produkte. Dann sinkt bei uns auch die Auftragslage, was weniger Arbeitsplätze und weniger Lohn bedeutet. Der Konsum auch bei uns geht zurück und das bedeutet noch weniger Aufträge. Die Wirtschaft jammert, die Politik wird hektisch, die Bürger bekommen Angst, die Spekulation blüht weiter und profitiert von billigen Käufen, um Länge mal Breite zu verdienen, wenn es wieder hoch geht.

Wollen wir eigentlich so eine Wirtschaft, die nach diese Methode funktioniert? Oder ist es Zeit für grundlegende Veränderungen und Verbesserungen? Eigentlich ist es das. Aber die, die davon profitieren, wollen, dass es so bleibt. Und in das Bewusstsein der allermeisten Menschen und Bürger ist das noch nicht gedrungen, dass es so nicht weiter gehen kann. Ja, mangels Alternativen. Aber auch weil sie in diesem Bewusstsein gehalten werden und sich selbst halten. Warum soll ich auch etwas ändern, wenn es mir gut geht? Und solange ich nicht hungern muss und Ruhe im Lande herrscht, kann ich mich immer noch gemütlich bei RTL und Fertigpizza zurücklehnen und mich über die Flüchtlinge ärgern, die Zuflucht bei uns suchen. Flüchtlingen, denen es längst nicht so gut geht wie uns. Doch das ist ein anderes Thema.

Wie Ihnen aufgefallen sein dürfte, habe ich bisher kein einziges Mal TREEEC erwähnt. Aber Sie haben zweifellos gemerkt, dass ich immer wieder darauf angespielt habe. Ich halte es für vollkommen illusorisch, das heutige Wirtschaftssystem durch einen Paukenschlag verändern zu wollen. Aber wir müssen die konstruktive udn auf dem Bestehenden aufbauende Alternative bieten und zeigen, wie es anders gehen kann. Nicht in einem akademischen Sandkasten, sondern in der Praxis, in der Wirtschaft selbst. Wir machen uns ständig Gedanken und planen die Szenarien, wie es geschehen soll und geschehen kann, dass TREEEC mit seinem Realwert unterlegten Geld und seinem Wirtschaftsmodell zugig zu einer funktionsfähigen und ernst zu nehmenden Alternative werden kann. Bevor das jetzige Wirtschaftssystem zusammenbricht und das herkömmliche Geld seinen Wert verliert.

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Ein Kommentar

  1. Preußin

    wahre, klare Worte. Unsere Wirtschafts- und Finanzwelt (und nicht nur die) sind krank. Gerüchte können die Aktienmärkte zum Beben bringen. Unternehmen die heute kein bisschen anders als gestern dastehen, verlieren über Nacht an Wert. Auch wenn ich grundsätzlich nicht RTL und Konsorten sehe und Fertigpizza verabscheue, habe ich als Ottonormalbürger längst den Überblick verloren. TREEEC könnte die Wende auf die Besinnung von realen Werten bringen. Aber ist die Zeit reif dafür? Hat man in den Chefetagen die Chance verstanden? Ich fürchte die Gier nach dem schnellen Geld ist zu groß.