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Über Logik, gesunden Menschenverstand, Wahrnehmung – und Lösungen für Griechenland und andere

Der griechische Finanzminister Varoufakis sieht die Logik auf seiner Seite, fernab aller Ideologien, und den griechischen Standpunkt als den richtigen. Ich halte viel von Logik und noch mehr vom „gesunden Menschenverstand“. Wenn der griechische Minister und seine Partei als „links“ eingeordnet werden, dann muss das immer vom Standpunkt des Betrachters aus gesehen und auch relativiert und in der Wahrnehmung korrigiert werden. Überhaupt, wenn man bisher nur einzelne Aspekte betrachtet hat und plötzlich einen Blick auf das Gesamte bekommt. Eine Idee ist auch weder links oder rechts oder sonstwie, von welcher Seite auch immer sie kommt, sondern mehr oder minder gut und praktikabel. Sie darf nicht vom ideologischen Standpunkt aus angesehen werden, sondern nach ihrer Fähigkeit ein Problem zu lösen. Dafür ist der gesunde Menschenversand unerlässlich.

Ich erinnere mich einer Begebenheit zu meiner Studienzeit in Wien. Damals war ich neben anderem Student der Politikwissenschaft. Mit Engagement und mit Meinung, mit der ich nicht hinter dem Berg hielt. Schon von meinem ersten Studienort Heidelberg her gehörte ich einem Corps, einer schlagenden Studentenverbindung an. Das setzte sich in Wien bei einer dortigen Verbindung fort. Ich gehörte zu denen, die auch das Schlagen von Mensuren, das studentische Fechten, voll befürworteten und praktizierten. Man sieht es mir heute noch an. Ein Kommilitone von mir, der mit mir in einem politikwissenschaftlichen Seminar saß, fuhr am Wochenende mit der Bahn nach Hause nach Niederösterreich. Im gleichen Abteil saß ein „Corpsbruder“ von mir aus der Studentenverbindung. Die beiden kamen ins Gespräch. Und waren bald auch bei gemeinsamen Bekannten, schließlich auch bei mir. Der eine, der Politologiestudent, lobte mich als engagierten Verfechter politischer Gedanken, die er als „progressiv“ einordnete und mich demnach als „Linken“. Der andere, der schlagende Student, sah in mir ein Bollwerk gegen alles Linke und einen praktizierenden Konservativen, zumal wegen meines kompromisslosen Fechtens.

Wie erklärte sich dieser Wahrnehmungsunterschied? War ich ein Chameleon, das nach Bedarf seine Farbe wechselte? Also ein Opportunist, wie er im Buche stand? Ich war weder das eine, noch das andere. Ich stand als angehender Politologe ebenso für meine Ansichten ein wie als Corpsstudent. Für dieselben Ansichten, da wie dort. Nur ging es bei den einen nicht um das, um was es bei den anderen ging. Und meine politische Meinung und mein Standpunkt waren dieselben. Für mich war und ist immer meine Überzeugung das Leitmotiv für mein Denken und Handeln. Und meine Überzeugung gewinne ich aus den Kenntnissen, die ich erlange, den Beobachtungen, die ich mache, und den Schlussfolgerungen, die ich versuche, aufgrund meines gesunden Menschenverstandes zu ziehen. Und auch zu ändern, wenn es erforderlich ist, weil ich neue Kenntnisse gewonnen und neue Beobachtungen gemacht habe. Unter eine Ideologie lasse ich mich niemals zwingen.

Wenn Varoufakis die Logik auf seiner Seite sieht, dann bin ich überzeugt, dass er eigentlich den gesunden Menschenverstand meint. Das hoffe ich zumindest. Und ich kann seiner Ansicht, wenn sie so gemeint sein sollte, auch folgen. Bei der Auseinandersetzung zwischen Griechenland und EU & Co, allen voran Deutschland, geht es um Standpunkte und unterschiedliche Auffassungen, wie die Krise am besten gelöst werden kann. Es geht auch um Formalismen, die der eine, angeführt von Deutschland mit Merkel und Schäuble, stärker in den Vordergrund stellt als der andere, Griechenland mit Tsipras und Varoufakis. Da ich nicht zu denen gehöre, die Formalismen über Menschen stelle, neige ich mehr dem griechischen Standpunkt zu. Aber das wäre zu einfach. Und es wäre auch zu einfach zu sagen, der eine verwende den gesunden Menschenverstand, der andere nicht.

Keine Frage, als Verfechter von TREEEC sind in meinen Augen beide im Irrtum. Weil sich beide von diesem herkömmlichen, alten und überholten Modell von Finanz und Wirtschaft nicht lösen können. Beide Seiten sind darin gefangen, gefesselt und geknebelt. Aber sie können es noch überhaupt nicht besser wissen. Wie denn auch, solange TREEEC noch in den Startlöchern scharrt, aber noch nicht losgelaufen ist. Deshalb, so sage ich es einmal, geht es um den „relativen“ gesunden Menschenverstand. Und um unterschiedliche Auffassung von Wirtschaft. Und von Modellen der Wirtschaftswissenschaft. An anderer Stelle werde ich noch darauf eingehen, warum ich, wie manche andere, in „Wirtschaftswissenschaft“ keine Wissenschaft sehe, sondern in weiten Bereichen ein Glaubensbekenntnis mit eingebrannten Fundamentalirrtümern, die das herkömmliche Finanz- und Wirtschaftssystem nur zementieren will, statt es weiterzuführen und zu überwinden. Aber da sind wir noch nicht. Bleiben wir bei den unterschiedlichen Auffassungen und Modellen.

Wer wie Griechenland zu viele Schulden gemacht hat, muss besonders hart sparen. Sonst kommt er aus der Lage nicht raus, in der er ist. Die Schulden sind die Wurzel des Übels, die müssen weg. Und seine Wettbewerbsfähigkeit muss Griechenland auch verbessern. Auch durch Sparen bei den öffentlichen Ausgaben, durch niedrigere Löhne und bessere Bedingungen für Unternehmen und Wirtschaft. Das soll Griechenland machen, möglichst alleine. So sagen es EU, Deutschland & Co. Wie stellt Spiegel online die Frage? „Das alles kommt Ihnen logisch vor? Dann sind Sie wahrscheinlich Deutscher- oder Sie haben sich von einem Deutschen überzeugen lassen.“

Griechenland sieht das ganz anders. Und die Griechen haben starke Verbündete in ihrer Ansicht der Dinge. Den britischen Ökonomen John Maynard Keynes und die US-amerikanischen Nobelpreisträger Paul Krugman und Joseph Stiglitz. Nach deren Gedanken und Ideen sind Staatsschulden kein großes Übel. Denn wenn alle nur sparen, funktioniert die Wirtschaft nicht. In einer Schwächephase müsse sich der Staat sogar weiter verschulden, um höhere Nachfrage zu schaffen und die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Für Varoufakis sind die von den Eurostaaten und dem Internationalen Währungsfonds verordneten Sparprogramme „der größte Fehler in der Wirtschaftsgeschichte“.

Nun, ich setze mich schon länger auch mit den Ideen von Keynes, Krugman und Stiglitz auseinander. Und finde einiges an Charme darin. Für das derzeitige herkömmliche System gefällt mir dieser Ansatz besser als nur sparen, sparen, sparen. Aber es betrübt mich, dass so große Denker nicht weitergedacht haben und nicht längst zu dem gekommen sind, was und wie TREEEC es anbietet. Ich komme mir vor wie ein Arzt der Neuzeit, der ins Mittelalter zurückgeworfen ist, seinen Mittelalterkollegen beim Aderlass oder anderen abstrusen Methoden zusieht und sagen muss, ja, mit euren Mitteln scheint mir das das Beste zu sein. Wohl wissend, dass es nichts bringt, die Krankheit nicht dauerhaft besiegt und ich eigentlich die richtigen Mittel in meiner Tasche hätte. Die die anderen aber (noch) nicht haben wollen und nicht darüber wissen.

Muss ich sparen? Oder mehr einnehmen? Oder beides? Auf diese Fragen reduziert es sich, grob gesprochen. Es ist für mich ein vollkommener Wahnsinn, Zinsen bedienen zu müssen, wie es dieses Mittelaltersystem von herkömmlicher Finanz und Wirtschaft verlangen. Streichen wir deshalb schon einmal alles zusammen, was an den griechischen Staatsschulden die Zinsen ausmachen. Was bleibt dann übrig? Und dann investieren wir mit zinsfreien Mitteln in Werte, die uns eine Realwert orientierte Geldschöpfung erlauben. Also auch in Infrastruktur. Die bessere Möglichkeiten für die Entwicklung des Landes und seiner Wirtschaft erlauben und diese Wirtschaft auch selbst noch ankurbeln. Dadurch steigen die Steuereinnahmen, die der Staat auch zum (noch akzeptablen) Teil für die Altschulden verwenden kann. Die Gläubiger bekommen ihren Einsatz zurück und sollten froh darüber sein. Natürlich, mit dem Euro und der derzeitigen Währungskonstruktion geht das auf Dauer nicht. Da braucht es ein System wie TREEEC. Für Griechenland und für alle anderen, die sich aus dem Finanzmittelalter in die neue Zeit und neue Wirtschaftswelt begeben sollten. Das ist logisch, und das sagt der gesunde Menschenverstand.

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2 Kommentiert

  1. Sommerlaune

    Danke Tai!!!
    Genau das ist das Verfahrene an unser aller Situation.

    Vergessen wir nicht, dass Griechenland nicht das einzige Land mit gravierenden Problemen ist.
    Es steht momentan auf der Liste der Misere nur ganz oben, weil es dort gerade ans „Zudrehen“ geht. Und deshalb, wie bei jeder Katastrophe, für den Moment der „Sensationsgeilheit“ in unsere Köpfe katapultiert wird. Aber genau so rasant wie es kommt ist es meist auch schnell wieder vergessen. Spätestens dann, wenn von anderswo die nächste Katastrophenmeldung über uns einbricht.

    Okay, was Griechenland angeht, wird es sich wohl erstmal hartnäckiger in unseren Köpfen halten. Schließlich besteht ja die Gefahr, dass wir Steuerzahler die Suppe mit auslöffeln sollen, die die Griechen uns eingebrockt haben.
    So versucht man uns das jedenfalls zu suggerieren. Statt einzugestehen, dass es nicht die griechische Bevölkerung ist, sondern die alte wie die neue Regierung Griechenlands, ebenso wie unsere EU-Oberen sind, die versagt haben. Aber wann halten die schonmal den Kopf für den Mist hin, den sie verzapft haben.
    Die schmeißen sich, wie jedes mal, wie die Maikäfer auf den Rücken und weisen jegliche Schuld von sich.
    Und zu solchen Miseren kommt es nur, weil jeder der Damen und Herren, egal welcher Nationalität, stur seiner eigenen Parteiideologie nachrennt und sie, koste es was es wolle, durchsetzen will. Weil genau diese Ideologie ihnen meist doch erstmal die eigenen Taschen füllt.

    Verantwortung, ethische Werte, logischer und gesunder Menschenverstand sind Fremdworte. Dann müsste man ja über den Tellerrand schauen, dann könnte ja der Profit und der Schulterschlag der Parteifreunde ausbleiben.

    ES WIRD ZEIT, dass Bevölkerungen nicht weiter dumm gehalten werden.
    Wie jetzt in Griechenland, wo der Großteil der Menschen nicht einmal wirklich weiß, über was genau er morgen abstimmt. Und deshalb auch gar nicht ermessen kann, was das JA oder NEIN über seine Zukunft aussagt.
    Oder wir, denen man suggerieren will, dass der griechische Rentner Schuld haben soll an deren Staatspleite, weil er sich seine wenige Rente nicht kürzen lassen will.

    UND ES WIRD ZEIT, dass TREEC die Kinderschuhe auszieht und los läuft, denn es wartet ein Marathon auf sie.
    Ja Tai, erstmal zurück ins Mittelalter von Wirtschaft und Finanzen. Damit wir uns von alten, eingefahrenen Zöpfen lösen können, die uns dauerhaft zurück in die Steinzeit führen, statt in eine gesunde wirtschaftliche Zukunft.

  2. MoritzMarx

    Hier habe ich einen Beitrag des in dem Blogbeitrag erwähnten Paul Krugman gefunden, der auch den Vergleich mit den mittelalterlichen Ärzten verwendet. Hat er von Tai Kriegeskotte abgeschrieben? :-)

    Krugman wertet in seiner Kolumne das Votum der Griechen als logische Folge der verfehlten Rettungspolitik: „Europas Technokraten sind wie mittelalterliche Ärzte, die ihre Patienten ausbluten ließen. Als ihre Behandlung den Patienten noch kranker werden ließ, haben sie ihn einfach noch mehr bluten lassen. Ein Ja-Votum hätte Griechenland noch weiter unter einer Politik leiden lassen, die nicht funktioniert hat und auch gar nicht funktionieren konnte. Die Austeritätspolitik lässt die Wirtschaft wahrscheinlich schneller schrumpfen, als es die Verschuldung reduziert. All das Leiden dient also gar keinem Zweck. Der Erdrutschsieg für das Nein-Lager bietet nun zumindest die Chance, dieser Falle zu entkommen.“

    Link zum Blog von Paul Krugman:
    http://www.nytimes.com/2015/07/06/opinion/paul-krugman-ending-greeces-bleeding.html?action=click&pgtype=Homepage&module=opinion-c-col-left-region&region=opinion-c-col-left-region&WT.nav=opinion-c-col-left-region&_r=1