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Was das „OCHI“ in Griechenland bedeutet

Am Sonntag werden die Griechen wohl in einer Volksbefragung entscheiden, ob und wie es in den Verhandlungen mit der EU und bezüglich des Euro weitergeht. Sie können sich für das von der Regierung empfohlene OCHI (Nein) oder für NAI (Ja) entscheiden. Das OCHI ist zuerst platziert, den Erklärungstext dazu, worüber eigentlich konkret abgestimmt wird, versteht der Normalbürger nur schwer bis gar nicht. Es würde mich wundern, wenn sich eine Mehrheit für NAI fände. Wenn das aber so wäre, würden die Griechen damit demonstrieren, dass sie zu den mündigsten EU-Bürgern gehören. Nein, nicht oder nicht nur, weil sie sich gegen ihre Regierung und für die Bedingungen der EU entscheiden würden. Sondern weil sie einen Druck überwunden hätten, der ganz tief die griechische Seele berührt. Einen Druck, der alleine im Wort OCHI (nein) liegt. Einem Druck, mit OCHI zu stimmen, den die Regierung bewusst einsetzt, indem sie tiefe griechische Gefühle und den Stolz der Griechen anspricht.

Dazu muss man ein Stück zurück in der griechischen Geschichte. Am 28. Oktober 1940 stellte das faschistische Italien unter Mussolini ein Ultimatum an Athen, das faktisch eine Kapitulation Griechenlands und eine Besetzung durch italienische Truppen ohne Gegenwehr forderte. Der damalige griechische Machthaber Ioannis Metaxas lehnte das Ultimatum ab. Dieser Tag ging in die griechische Geschichte als „Tag des Ochi“ ein. Die Italiener griffen binnen Stunden an. Metaxas hielt eine Rede an das griechische Volk und sagte darin: „Die Zeit ist für Griechenland gekommen, für seine Unabhängigkeit zu kämpfen. Griechen, nun müssen wir uns unserer Vorväter und der Freiheit, die sie uns hinterlassen haben, würdig erweisen. Griechen, nun kämpft für euer Vaterland, für eure Frauen, für eure Kinder und für die heiligen Traditionen. Nun, vor allen Dingen, kämpft!“ Mit Hilfe der Deutschen wurde Griechenland bekanntermaßen schließlich bezwungen und blieb bis 1944 besetzt.

Mir wurde durch die Freundschaft mit einem hohen griechischen Diplomaten vor Jahren schon zu Bewusstsein gebracht, welche seelentiefe Bedeutung dieser Tag und dieses OCHI für die Griechen haben. Es war und ist der Ausdruck eines selbstbewussten Volkes gegen Willkür und Besetzung. Es war der Aufruf zum unbedingten Widerstand. Bei den jüngeren Griechen mag die historische Bedeutung vielleicht etwas verblasst sein, aber ich bin überzeugt, dass nicht nur die Älteren das bis heute nicht vergessen haben. Zumal der 28. Oktober, der Tag des Ochi, neben dem griechischem Unabhängigkeitstag der wichtigste nationale Feiertag ist.

Ich habe erlebt, mit welchem Herzblut die Griechen sich dagegen auflehnen, etwas aufgezwungen oder etwas weggenommen zu bekommen, das an die heiligen Traditionen rührt. Als sich das ehemalige jugoslawische Mazedonien für selbständig erklärte, „annektierte“ es gleich mehrere hohe griechische Symbole. Schon 1944 hatte es als spätere sozialistische jugoslawische Teilrepublik in den Augen der Griechen die Bezeichnung Mazedonien gestohlen. Des Mazedonien, dem Alexander der Große entsprang. Die Sonne von Vergina als das Zeichen Alexanders und aller Griechen beanspruchte es ebenfalls auf seiner Flagge für sich. Und schließlich auch noch die Abbildung des weißen Turms von Saloniki, der nationale Bedeutung hat, seit unter dem griechischen Thronfolger Konstantin I. im Oktober 1912 im Rahmen des 1. Balkankriegs Saloniki (rück)erobert wurde.

Ich hatte damals Gelegenheit, gemeinsam mit meiner (verstorbenen) Frau ein Dossier zu erstellen, das die griechische Position darlegte. Der ich auch deshalb folgen konnte, weil man mir von griechischer Seite geheime Quellen, samt Geheimdienstunterlagen der Amerikaner aus dieser Zeit, über das damalige Geschehen und deren Hintergründe samt der Absichten Titos geöffnet hatte. Dieses Dossier wurde dann auch von offizieller griechischer Seite verwendet, um gegenüber der EU den Standpunkt Griechenlands zu unterstreichen. Einem Standpunkt, dem die EU folgte, wodurch die „Annektion“ der mazedonischen Symbole der jugoslawischen Mazedonier ebenso scheiterte wie ihre offizielle Bezeichnung als „Republik Mazedonien.

Ich war in dieser Zeit Anfang der 90er Jahre auf offizielle Einladung in Griechenland und konnte im Außen- und im Informationsministerium in Athen ein und aus gehen. Ich bekam nicht nur hautnah mit, wie die griechische Politik das handhabte, sondern auch wie empört die Griechen auf der Straße darüber waren. Es wurden sogar Forderungen laut, die Armee mit Panzern an der Grenze aufmarschieren zu lassen. Der Staatssekretär im Informationsministerium, mit dem ich es hauptsächlich zu tun hatte, ließ selbst während unserer Gespräche zwei Fernsehgeräte laufen. Eines übertrug Nachrichten, das andere die lebhaften Sitzungen des griechischen Parlaments. So ähnlich dürfte die Stimmung in diesen Tagen sein.

Wenn Ministerpräsident Tsipras und Finanzminister Varoufakis ihr politisches Schicksal vom Votum des griechischen Volkes abhängig machen und im Falle eines NAI, eines Ja, zurücktreten wollen, dann haben sie zweifellos auf die Karte gesetzt, dass die Forderungen von EU & Co einem Ultimatum wie damals von Mussolini ähnlich sind, der erst mit Hilfe der Deutschen dann Griechenland endgültig besiegte. Nicht umsonst wurde Angela Merkel als deutsche Bundeskanzlerin auf Protestplakaten und in den griechischen Medien in die Nähe Hitlers gerückt. Auch da sehe ich die historische Verknüpfung und Konditionierung. Wurden nicht auch Reparationsforderungen gegen Deutschland laut?

Ich habe anfangs gesagt, die Griechen würden durch ein NAI demonstrieren, dass sie zu den mündigsten EU-Bürgern gehören. Wenn ich mich aber in die griechische Seele hineinversetze und versuche, wie ein Grieche zu denken und zu fühlen, dann pfeife ich darauf, als mündiger EU-Bürger angesehen zu werden. Dann fühle ich als Grieche und dann schleudere ich den Ultimatenstellern der EU und besonders aus Deutschland ein OCHI entgegen, komme was wolle. Immer vorausgesetzt, dass ich davon überzeugt bin, dass Griechenland es auch ohne den Euro schaffen kann, und wenn es nach hartem Kampf ist. Vielleicht mit der kleinen Einschränkung, die auch ein NAI nicht unmöglich erscheinen lässt, wenn ich nicht von nackter Existenzangst befallen bin oder zumindest fürchte, sehr viel zu verlieren. Aber mündiger Europäer war ich als Grieche schon, als die dort, wo heute Deutschland ist, noch auf den Bäumen gesessen haben.

Wäre ich tatsächlich Grieche und würde ich TREEEC kennen, wäre es gar keine Frage, wie ich abstimmen würde. Mit OCHI. Denn ich wüsste ja, dass eine ganz neue Chance aus dem Chaos erwachsen könnte. Seit damals, als ich Einblick in die griechische Seele bekam,  trage ich übrigens bei bestimmten Anlässen ein kleines Abzeichen im Knopfloch meines Revers, das mir ein griechischer Freund geschenkt hat. Es ist die Sonne von Vergina. Ich werde sie am kommenden Sonntag tragen. Wir werden sehen, ob es ein neuer Tag des OCHI wird.

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2 Kommentiert

  1. MoritzMarx

    Sehr gute Hintergrundinformation. Danke!

    Was ich in Spiegel online lese, bestätigt diese interessante Einschätzung:
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-referendum-mit-diesen-grafiken-wirbt-syriza-a-1041768.html

    Daraus ein Zitat: „Es ist viel von Würde die Rede, die das griechische Volk zurückerlangen müsse, von Unterwerfung unter die Europartner, die enden müsse, von Ultimaten, denen sich zu beugen der Stolz verbiete.“

  2. münsterländer

    Nun ist es soweit, Griechenland stimmt ab, vorläufiges Ergebnis 22:40: „OXI“!

    Und jetzt???

    Münsterländer

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