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Über Lügenpresse, Medienmanipulation und Demagogie

Wenn eine sachliche Auseinandersetzung ins Emotionale abgleitet, ist das nicht förderlich, um zu einem Ergebnis zu gelangen, das alle Beteiligten zufrieden stellt. Wenn aber das von einer oder von allen Seiten in Demagogie mündet, dann kann nichts mehr daraus werden. Dann wollen der und die nur noch Emotionen und Vorurteile schüren und koste es, was es wolle, letztlich als „Sieger“ da stehen. Die Diskussion um die Eurokrise zwischen allen daran Mitwirkenden hat schon hohe Emotionalität erreicht. Da und dort flackert schon Demagogie auf. Wenn es darin endet, wird es in diesem Fall keinen Sieger, sondern nur Verlierer geben.

Wir werden zurzeit auf allen Kanälen mit Informationen über die Eurokrise zugedröhnt. Ob für jemanden, der sich nicht intensiver mit den Problemen beschäftigt und direkten Informationszugang hat, überhaupt noch erkennbar und bewertbar ist, was tatsächlich Sache ist und was an Lösungen überhaupt Sinn macht, bezweifle ich. Für den normalen Informationsempfänger ist das inzwischen unüberschaubar. Was mir dabei überhaupt nicht gefällt, ist die zunehmende Emotionalisierung. Wobei ich die Griechen noch besser verstehe, weil viele von ihnen nackte Existenzangst haben. Ich mache aber auch den griechischen Politikern, und gerade Syriza, den Vorwurf, von vorn herein auf Emotionalisierung der Menschen und sogar auf Demagogie gesetzt zu haben und zu setzen. Nun, anders wären sie wohl auch nicht an die Macht gekommen. Jetzt sind sie Gefangene ihrer selbst postulierten Vorurteile und kommen nicht mehr raus, weiterhin einen Kontrakurs gegen EU & Co fahren.

Wir im satten Teil Europas und besonders hier in Deutschland sehen uns immer mehr in einer Rechthaberposition. Die dummen Griechen dort, die jahrelang (angeblich) im Luxus gelegt und nur schmarotzt haben, müssen endlich lernen, nach unserer Pfeife zu tanzen. Wir wissen, wie es gehen muss und überhaupt. Steckt uns ja nicht an mit eurer nur-fordern-und-nichts-geben-wollen Mentalität. Unsere Frau Merkel hat sich doch so redlich bemüht und das war schon richtig, wie sie das zum Besten für uns und die verstockten Griechen gemacht hat. Aber wie konnte es dazu kommen, dass viele in Deutschland dieses Bild haben? Dass es Gute und Böse gibt und diese Rollen eindeutig zugeordnet sind? Die Medien haben einen großen Anteil daran.

Es gibt „Leitmedien“, die viele Menschen erreichen und dementsprechend „Leitmeinung“ machen. Um die Verkaufszahlen hoch zu halten bzw. Quote zu machen, setzen gerade sie auf Emotionen. Manche sind nicht weit von Demagogie entfernt und betreiben die sogar schon. Es gibt aber andererseits viele und immer mehr kritische Bürger, die sich davon nicht vereinnahmen lassen wollen. Diese allgemeine Unzufriedenheit mit den Medien schwappt bei manchen aber schon wieder unkritisch in extreme Standpunkte und ihrerseits in Demagogie über. Ein Beispiel dafür ist für mich die Bezeichnung „Lügenpresse“, wie sie von PEGIDA und ihren Anhängern geprägt wurde und es zum Unwort des Jahres 2014 gebracht hat. Aber lügen die Presse oder Teile davon tatsächlich? Wird gezielt Medienmanipulation betrieben?

Als Journalist beobachte ich oft, wie alleine schon aus einer Verkürzung einer Nachricht eine Sinnentstellung werden kann. Und diese Verkürzungen sind an der Tagesordnung, um eine Nachricht noch eben schnell irgendwo unterzubringen. Oder wie schnell ist ein Thema wieder vom Tisch, weil es keine Sensation mehr ist. Wann haben Sie zuletzt etwas gehört oder gelesen, was die Zustände nach dem Erdbeben in Nepal anbelangt? Solange die Bundeswehr in Afghanistan war, war das Dauerthema. Was ist jetzt? Nehmen Sie überhaupt noch wahr, was aktuell dort geschieht, wenn nicht gerade wieder viele Menschen in die Luft gesprengt wurden? Oder überblicken Sie die Lage in Syrien, im Irak, in Somalia, in Mali und wo immer wirklich noch? Haben Sie sie jemals überblickt? Aber viel entscheidender: was haben sie denn von möglichen Lösungen gehört oder gelesen, an denen gearbeitet wird? Wie weit sie sind. Oder ob sich überhaupt jemand um solche Lösungen bemüht. Wir sehen auch nur die Flüchtlinge, die uns in Europa „bedrohen“. Arme Menschen, und ein Jammer, wenn sie ersaufen, denken manche wohl. Zerstören wir lieber das Netzwerk der Schlepper und die gemeingefährlichen schwimmenden Transportmittel, dann können die auch nicht mehr ersaufen. Aber was ist dann mit ihnen? Die eigentlichen Probleme sehen wir erst gar nicht (mehr). Was bleibt bei uns aus der Berichterstattung eigentlich wirklich hängen? Und überhaupt, was bewegt uns zum Handeln? Ok, wir spenden für das oder jenes. Aber ist das schon die Lösung?

Ich sehe durchaus, dass die Kollegen in den Verlagen mehr oder minder in ein redaktionelles Korsett des für das Medium Gewünschten und Erlaubten gezwungen sind, was nicht nur heute erst so ist. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten mögen auch wie manche „Leitmedien“ der politischen Hofberichterstattung zuneigen. Das ist auch gar nicht so etwas Neues. Aber andererseits kann ich unterschiedliche Medien heranziehen und das von anderen Standpunkten aus sehen. Durch die Möglichkeiten des Internet heute habe ich eine Vielfalt an Informationen und Meinungen zu allen nur erdenklichen Themen. Natürlich, die Auswahl mag nicht immer leicht sein, und Wahrheit von Lüge zu unterscheiden, ist nicht nur für den normalen Leser, sondern auch für mich als Journalisten oft schwierig. Aber ich halte es für zu einfach, nur „Lügenpresse“ zu schimpfen.

Diejenigen, die das Wort „Lügenpresse“ verwenden, und nicht nur diese, wollen im Wesentlichen ausdrücken, dass die Presse die Menschen im Sinne der Interessen der politischen Machthaber manipuliert. Ohne Frage, der durchschnittliche Staatsbürger mag ein unkritischer Konsument dessen sein, was ihm da vorgesetzt wird. Aber andererseits muss ich jedem die Freiheit gewähren, auch uninformiert zu bleiben. Wenn ich mir im Privatfernsehen lieber Sendungen wie „Familien in der Gosse“ anschaue, oder wie das Format heißt, statt (auch) eines Berichts oder einer Nachrichtensendung privat oder öffentlich-rechtlich, entgeht mir einiges. Wie sagte letztlich jemand zu mir? „Warum muss ich das wissen?“ Auch eine Antwort. Die alles sagt.

Bei gedruckten Medien mag es in Bezug auf die Masse der Informationskonsumenten, die Informationsverweigerer nehme ich von vornherein aus, noch deutlicher sein. Wer nimmt sich denn überhaupt die Zeit dazu, und hätte diese Zeit, neben einer Tageszeitung, oder mehreren, auch noch Wochenzeitschriften und Monatsblätter konzentriert zu lesen? Und auch noch den oben erwähnten Vergleich unterschiedlicher Standpunkte vorzunehmen. Bei vielen bleibt es inzwischen bei einem Blick auf die Webseiten von Medien und dem reinen Überblick. Oder es ist auf eines oder ganz wenige Themen beschränkt, dem bzw. denen das Interesse gilt. Wer als „Bildungsbürger“ das Bedürfnis hat, sich zu informieren, hat also, dennoch und trotzdem eine Fülle von Möglichkeiten dazu. Aber natürlich, Manipulation kann auch subtil erfolgen und nicht nur durch die „Machthaber“. Die inzwischen allgemein bekannte PEGIDA will nicht die Wahrheit der Lüge gegenüber stellen, sondern selbst manipulieren und Demagogie betreiben. Und ihre Anhänger lassen sich gerne verführen, indem sie „Lügenpresse“ rufen. Ich habe mich schon über Querulanz ausgelassen. Wenn sich Demagogie mit Querulanz paart, stirbt sowieso nicht nur die Wahrheit, sondern auch der gesunde Menschenverstand.

Wie halten wir es denn bei TREEEC? Es wird ohne Frage notwendig sein, Aussagen zuzuspitzen. Sonst erreichen wir niemanden in der Informations- und Meinungsflut. Aber wie ein Beitrag wie dieser eine Überschrift braucht, braucht es auch diese Zuspitzung. Wir wollen von uns überzeugen. Solange sachliche Gesprächspartner vorhanden sind, wird das in sachlicher Form geschehen. Aber wie ist es, wenn uns Emotionen entgegenschlagen? Oder wir plötzlich demagogischen Aussagen gegenüber stehen? Beispielsweise in einer öffentlichen Diskussion? Dann gehöre ich zu denen, die für einen groben Klotz auch einen groben Keil parat haben. Denn dann geht es nicht mehr um „Wahrheit“, sondern nur noch darum, dem Dummen und Voreingenommenen nicht das Terrain zu überlassen. Dann gilt es, der Gefahr zu wehren, dass der provokante Demagoge nicht dadurch neue Anhänger für seine Dummerhaftigkeit findet, weil er als scheinbarer „Sieger“ aus so einer Auseinandersetzung hervorgeht. Und ich bin gewiss, solche Art von Aggressivrhetorik wird uns nicht nur von Extremisten entgegenschlagen. Damit man aber meine Standpunkte jederzeit erkennen  kann, auch wenn ich einmal das Rumpelstilzchen geben sollte, findet man sie eben auch hier nachlesbar.

Wir machen uns übrigens schon seit Längerem Gedanken darum, wie wir für alle jetzigen und zukünftigen Mitglieder von TREEEC eine Informationsgrundlage schaffen, die es erleichtert, sich einen Informationsüberblick und ein eigenes Bild, auch von „Wahrheit“ und „Lüge“, zu verschaffen. Das soll mit den persönlichen Interessen und Informationsbedürfnissen verbunden werden können und auch beruflich nutzbar sein. Das Projekt läuft bei uns unter der Bezeichnung Q:PAPER. Es wird noch einige Zeit und Entwicklungsschritte brauchen, bis wir dort sind, wo wir sein wollen. Aber in Kürze werden die ersten Schritte mit dem ersten Medium in dieser Form sichtbar sein. Als ein weiterer Mosaikstein für das vollständige Bild von TREEEC.

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4 Kommentiert

  1. Preußin

    grandiose Idee! Ich bin sehr gespannt auf Q:PAPER. Wie der Autor es beschreibt, ist es unglaublich schwierig, sich in dieser Informationsflut zurecht zu finden. Ich, als „Ottonormalbürger“, fühle mich vollkommen überfordert und hilflos.
    Wissen ist Macht. Ich möchte gern daran teilhaben.

  2. MoritzMarx

    Habe noch einen guten Kommentar bei Spiegel online zur Berichterstattung über Griechenland gefunden:

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/berichterstattung-zu-griechenland-dschungelcamp-der-medien-kolumne-a-1042001.html

    Georg Dietz beschreibt das „Dschungelkamp der deutschen Medien“.
    Passt gut zu diesem Beitrag.

  3. Sommerlaune

    Dschungelkamp der Medien ist grandios.
    Nur leider saugt genau das ein Großteil unserer Gesellschaft bis zum Anschlag auf.
    Warum sonst haben auch die Privaten in unseren rechteckigen Kasten in mittlerweile Wohnzimmern, Schlafzimmern, Küchen und Gästeklos diese Quoten 😮 (
    Hauptsache die Kiste rieselt und der ach so selbstbewusste, kritische Bürger muss nicht nachdenken. Den Rest erledigt die überaus intelligente Werbung.
    Ja ja, sind wir nicht alle ein bisschen…….

    • Dummerchen

      @ Sommerlaune

      Der mündige Bürger hat aber immer noch die Chance mündig zu handeln und die „Aus“- Taste zu drücken. Er wird von niemanden gezwungen, sich rund um die Uhr berieseln zu lassen.
      Wobei für mich in dem Fall nicht der Rund-um die Uhr Konsum ein Problem darstellt, sondern eher das Kritiklose oder nicht hinterfragen dessen, was aufgesogen wird.

      Auch Informationen können aufgesogen werden. Aber wie wird damit umgegangen? Aufsaugen, zur Kenntnis nehmen, unreflektiert weitergeben ODER ein eigenes Meinungsbild entwickeln oder ggf. sogar neugierig werden auf andere Themen, Hintergrundinformationen ermitteln…

      Das Dummerchen