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Über Menschen und meinen Eindruck von ihnen – die Lehre für TREEEC

Eine neue Wirtschaft und eine neue Welt aufzubauen, ist ein ganz schön ambitioniertes Unterfangen. Wenn ich dabei als einer derer mitwirke, die TREEEC authentisch erklären können und sollen, dann geschieht das immer in Kontakt mit Menschen. Es gilt Mitmacher und Mitstreiter sowie Unterstützer jeder Art zu gewinnen. Es ist genauso notwendig, sich mit Kritikern und erklärten Gegnern auseinander zu setzen. Ich stehe für (fast) jedes Gespräch zur Verfügung und scheue auch keine Auseinandersetzung. Natürlich gewinne ich einen Eindruck von diesen Menschen und bilde mir eine Meinung über sie, so wie sie über mich. Ich muss nicht die Meinung meines Gegenüber teilen und er kann sogar mein Gegner sein, aber ob ich ihn respektiere oder in die Negativschublade endablege, ist immer das Ergebnis des persönlichen Eindrucks, den ich von ihm gewinne. Dieser Eindruck kann bei der ersten Begegnung entstehen. Ist er negativ, dann wird es zu keiner Zusammenarbeit und nicht einmal zu weiteren Gesprächen kommen. Ist er positiv, dann kann darauf aufgebaut werden, aber auch das muss sich über die Zeit festigen und bewähren.

Dabei bin ich frei davon, mich durch große Namen beeindrucken zu lassen. Vielmehr muss mich auch die Person überzeugen, dass ich sie als Persönlichkeit sehe und respektiere, selbst wenn sie hohe und höchste Ämter oder welche gesellschaftliche Stellung auch immer inne hat. Mit meiner mir dann gebildeten Meinung halte ich nicht hinter dem Berg und stehe auch dazu, wenn man mich fragt. Ich will das an einer Begegnung demonstrieren, die ich mit Eduard Schewardnadse, dem ehemaligen Außenminister der UdSSR hatte.

Ich habe Herrn Schewardnadse kurz nach seinem Rücktritt als Außenminister kennengelernt. Ein Freund von mir, Valerie Popov, der damalige sowjetische Botschafter in Wien, hatte an diesem Abend einen kleinen Kreis von Personen zu sich eingeladen. Darunter auch meine mittlerweile verstorbene Frau und mich. Mit dabei war der amerikanische Botschafter Roy Huffington, zu dem ich ein gutes Verhältnis hatte und mit dem mich von Anfang an ein kräftiger Händedruck verband. Manchmal sind es die Kleinigkeiten, die über Sympathie und Antipathie entscheiden.

Eduard Schewardnadse wirkte leicht abwesend, als es zur persönlichen Begrüßung ging. Vielleicht war er von der Reise und dem vorangegangenen Programm noch mitgenommen. Sein Händedruck war aber so etwas von unprofessionell kraftlos, dass mir dieser Augenblick nicht nur in bester Erinnerung geblieben ist, sondern bei mir auch das Bild dieses Mannes ein für alle Mal geprägt hat. War es die Bedeutungslosigkeit, die dieser Staatsmann und Außenminister einer ehemaligen Supermacht in dem kleinen Journalisten sah, der wohl nur als Freund des Botschafters in diese Runde gerutscht war? Der Blick, den mir Botschafter Huffíngton zuwarf, der direkt nach mir Herrn Schewardnadse begrüßt hatte, jedoch sprach Bände. Er hatte offenbar denselben Eindruck wie ich gewonnen. Als wir anschließend ein paar Worte wechselten, hatte der Texaner Huffington dafür nur abschließend ein leichtes Kopfschütteln übrig. Heute kann ich mich weder daran erinnern, was ich mit Schewardnadse gesprochen habe, noch welchen Verlauf der Abend sonst nahm, außer dass es belanglos „nett“ war.

Ein paar Monate später saß ich auf die Vermittlung eines gemeinsamen Freundes Andrej Gratchev, dem damaligen Pressesprecher von Michael Gorbatchov, beim Essen in Moskau gegenüber. Grund unseres Treffens war die journalistische und publizistische Zusammenarbeit und die Unterstützung bei einem internationalen Kommunikationsprojekt. Nachdem der Tee gereicht worden war, kam Gratchev zur Sache. Ohne Zusammenhang mit dem vorher eher belanglos Geplauderten fragte er mich, was ich von Eduard Schewardnadse hielte. Meine Antwort in dem auf Englisch geführten Gespräch kam prompt: „Nothing.“ Die Gegenfrage: „Why?“ Zur Antwort streckte ich die Hand pointiert kraftlos in seine Richtung, was ihn aber gleich abwinken ließ. „Welcome“, sagte er sonst nur, um mir dann kräftig die Hand zu schütteln. Es war der Beginn einer vertrauensvollen Kontaktes zu einem wirklich guten Mann.

In seiner vor ein paar Jahren erschienenen Biografie „Erinnerungen“ machte Schewardnadse die Tour von seiner Bestellung zum sowjetischen Außenminister im Juli 1985 , als er das Urgestein Andrej Gromyko ablöste, über seinen überraschenden Rücktritt im Dezember 1990 bis hin zu seiner Zeit als georgischer Präsident. Seine Erinnerungen sind nicht frei von Rechtfertigungsversuchen, ob es dieses öffentliche Hinschmeißen seiner Gefolgschaft gegenüber Gorbatschow auf einem Volksdeputiertenkongress anbelangte oder auch seinen Versuch, die deutsche Einheit mit der Forderung nach einem Friedensvertrag zwischen Deutschland und der UdSSR noch zu stoppen. In Gorbatschow sah er den Verräter, der längst mit den Protagonisten einer wieder heraufziehenden Diktatur im Bunde war, wogegen er angeblich mit seinem Rücktritt protestieren wollte.

Damals, als mir Gratchev aufgrund meiner derart geäußerten Meinung das Vertrauen schenkte, ohne dass mir bewusst gewesen war, wie er als Vertrauter von Gorbatschow aber auch aus der ihm eigenen analytischen Sicht Schewardnadse sah, war der Begriff „Verräter“ nicht mit Gorbatschow, sondern mit dem Namen des Georgiers Schewardnadse verbunden. Eines war Schewardnadse aber auf jeden Fall, ein Profiteur des Zusammenbruchs der UdSSR, den er nicht unwesentlich beschleunigt haben dürfte, als er spektakulär Gorbatschow und seine Position durch seinen Rücktritt schwächte.

Mit Schewardnadse hatte ich in seiner Zeit als Präsident Georgiens noch zu tun, aber nur indirekt, indem ich an einer Dokumentation der Korruption um ihn herum mitgearbeitet habe. Ein Projekt, das auch in indirektem Zusammenhang mit dem damaligen „Welcome“ von Andrej Gratchev und in direktem Zusammenhang mit einem investigativen russischen Journalisten stand, der dann später in die Luft gesprengt wurde. Am damaligen Export der Korruption nach Westeuropa besteht sogar heute noch journalistischer und publizistischer Aufklärungs- und Veröffentlichungsbedarf, da einiges in der Verknüpfung mit westlichen Politikern bis in die Gegenwart wirkt. Aber das nur nebenbei.

Als Präsident von Georgien scheiterte Schewardnadse nicht weniger schmählich als Gorbatschow. Wenn er über seinen ehemaligen Mentor sagte, „zu einem Eingeständnis seiner Fehler kam es nie“, dann ließ auch er selbst in seinen „Erinnerungen“ die Ansätze dafür vermissen. Und ob ihn sein Heimatland jemals als den Gründervater des neuen und unabhängigen Georgien feiern wird, kann erst die Zeit entscheiden, die manches vergessen lässt. Wie immer die Geschichtsschreibung aber sein wird, mein Urteil über Eduard Schewardnadse hat sich in nur wenigen Sekunden gebildet.

Ich werde sicher noch die eine und andere weitere Begegnung mit Leuten hier schildern, die mich positiv beeindruckt oder negativ abgestoßen haben. So alt bin ich noch nicht, dass alle schon verstorben wären. Ich habe aus Begegnungen mit solchen Menschen, die politisch in der Öffentlichkeit standen und stehen, ebenso wie mit Unternehmern, Managern, Funktionären, Beamten, Wissenschaftlern und ganz normalen Menschen wie du und ich viel gelernt und manche Lehre gezogen. Und ich ziehe diese Lehren immer noch. Die wichtigste ist wohl, dass ich ehrlich meine Meinung sage, mich nicht von Namen und Stellung beeindrucken lasse und den Menschen im Menschen sehe.

Ich bringe jedem, den ich neu kennenlerne immer noch einen großen Vertrauensvorschuss entgegen und schlage keine ausgestreckte Hand aus. So wie ich auch mit (fast) jedem zu reden und zu diskutieren bereit bin, der das mit mir möchte. Aber wenn jemand bei mir verschissen hat, dann hat er das auf Dauer und endgültig. Und so halte ich es auch bei TREEEC. Jeder hat die Chance dabei zu sein. Auf der Grundlage von Ehrlichkeit und gutem Willen. Ich werde jeden fördern und unterstützen, der es verdient. Aber wenn ich feststelle, dass ich es mit einem krummen Hund zu tun habe, dann war es das für denjenigen oder diejenige. Jedenfalls solange ich bei TREEEC dabei bin.

Über Tai Kriegeskotte

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